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MINT_OBadges im Interview

Unsere Fragen beantworteten die Verbundpartnerinnen & Verbundpartner von MINT.OBadges: Arne Klauke, Mitglied der Geschäftsleitung matrix gGmbH, Franziska Schmid, Geschäftsführerin mycelia gGmbH und Mario Pesch, Geschäftsführer openSenseLab gGmbH.

Aktuell befinden sich rund 40 Forschungs- und Entwicklungsprojekte in der zweijährigen Umsetzungsphase. Die Projekte entwickeln untereinander kompatible Lern- und Lehrangebote für das Ökosystem von "Mein Bildungsraum" als Vernetzungsinfrastruktur für Bildung. Was sind ihre Ziele und welche Herausforderungen haben sie auf dem Weg dorthin zu bewältigen? Wir haben für Sie bei den Projekten nachgefragt.

Was ist der Mehrwert Ihres Projektes und was hebt Sie von anderen Projekten in dem Fachgebiet ab?

Arne Klauke: Wir möchten erproben, ob digitale Zertifikate, sogenannte Open Badges, als Alternative oder neue Methode eingesetzt werden können, um Lernerfahrungen und entsprechend erworbene Kompetenzen abzubilden. Dabei konzentrieren wir uns auf den außerschulischen MINT-Bildungsbereich, also auf die Bereiche Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Hierbei gehen wir experimentell vor und erproben Open Badges parallel in mehreren Reallabor-Situationen. Reallabore sind Testumgebungen, in denen wir zusammen mit außerschulischen Lernorten die Vergabe von Open Badges erproben. Gleichzeitig sprechen wir beispielsweise mit Schulen, Hochschulen und Unternehmen und bauen kleine regionale Ökosysteme rund um die Testumgebungen auf. Was hier im Regionalen entsteht, soll dann Skalierungsmöglichkeiten aufzeigen, die wiederum viele Mehrwerte für unsere ganze Gesellschaft bieten – so hoffen wir. Open Badges haben beispielsweise das Potenzial eine Brücke zwischen formalen, non-formalen und informellen Bildungsinstitutionen zu bauen und sie zu vernetzen. Das ist wichtig, denn Lernen findet überall und ein Leben lang statt. 

Franziska Schmid: Eine weitere Besonderheit ist, dass wir auf technische und inhaltliche Standards setzen, sodass die Open Educational Badges anschlussfähig sind und institutionsübergreifendes Lernen unterstützen. Dazu zählen beispielsweise die mehrsprachige europäische Skill-Klassifikation ESCO und der technische Standard der Open Badges (2.0 und 3.0). Durch eine Standardisierung der Badges entlang dieser Rahmenwerke, wollen wir erproben, ob die Wertigkeit der Badges steigt. Das Projekt wird diesbezüglich intensiv wissenschaftlich begleitet, um die Open Educational Badges so wirksam wie möglich aufzusetzen und die Erfolgsfaktoren so aufzubereiten, dass sie leichter auf andere Vorhaben übertragen werden können. 

Mario Pesch: Neben der Community und den Open Badges stellen wir auch noch eine kostenfreie Open-Badges-Plattform zur Verfügung, um Open Badges standardisiert zu erstellen, zu vergeben und zu sammeln. Diese wird dann an “Mein Bildungsraum“ angebunden. Sie steht aber auch unabhängig davon für alle Interessierte zur Verfügung: in Form der Plattform und über offene Schnittstellen, die über Zusatzprogramme, zum Beispiel Plugins in Lernmanagementsystemen, angesprochen werden können. Dabei sind wir überzeugt, dass die Plattform und das Plugin langfristig bereitstehen und losgelöst vom MINT-Schwerpunkt als Angebot an die gesamte Bildungslandschaft existieren.

Was sind aktuell die größten Herausforderungen im Projekt?

Arne Klauke: Während der Mehrwert von Open Badges in großen Gruppen innerhalb der deutschen Bildungslandschaft als guter Ansatz wahrgenommen wird, fehlt es dann doch oftmals an dem Engagement, eine übertragbare und nachhaltige Klassifizierung und Systematisierung aufzubauen. Innerhalb unserer Reallabore sind wir auf das Engagement der Mitarbeitenden vor Ort angewiesen. Sie bieten Kurse an und haben direkten Zugang zu Lernenden. So können sie unter echten Bedingungen herausfinden, ob Open Badges ein Mehrwert für die außerschulische MINT-Bildung sein können. Doch diese Menschen haben sowieso schon viel zu tun und sollen sich nun zusätzlich mit neuen komplexen Aufgaben befassen. Deswegen werden wir in den Reallaboren mehr Unterstützung anbieten, als es dann später im realen Umfeld geben wird. Als Verbund begleiten wir die Reallabore dabei, Open Badges zu erstellen und zu vergeben. Außerdem stellen wir ihnen Informationen zur Verfügung, um das Projekt zu verstehen und zu erklären.

Mario Pesch: Seit kurzer Zeit ist der bereits erwähnte Open Badges Standard 3.0 verfügbar. Zu diesem gibt es noch keine offenen Projekte und Erfahrungsberichte. Wir glauben aber, dass er wichtige Schwächen der Open Badges 2.0 löst, wie zum Beispiel die zwingende Notwendigkeit einer E-Mail-Adresse. Deshalb testen wir den Standard 3.0 parallel im Rahmen des Projektes. Diese Arbeit und den Code dokumentieren wir quelloffen, also Open Source. So stellen unsere Erkenntnisse und die Plattform an sich schon einen nachhaltigen Mehrwert für ganz viele Begeisterte dar.

Franziska Schmid: Die “Granularität” eines Badges – also die Ebene, auf der wir Skills und Kompetenzen definieren und festschreiben – ist eine Herausforderung. Dies wird verstärkt durch die uneinheitliche Sprache, die im Bereich der Kompetenzen verwendet wird. Skills, Kompetenzen, Fähigkeiten - diese Begriffe sind nicht trennscharf. Dies hat zur Folge, dass wir selbst und auch in Zusammenarbeit mit den Reallaboren iterativ arbeiten, was die Wertigkeit eines Badges angeht: zum Beispiel ob ein Badge auf der Ebene eines Microcredits (für eine abgeschlossene Lerneinheit) oder eines 2h-Workshops vergeben wird? Das ist einerseits eine konzeptionell-strategische Frage, aber eben auch wichtig, um das Nutzendenerlebnis gut zu gestalten. Da die Badges aus der Community herauskommen, sind die Einordnungen hier sehr unterschiedlich und hängen stark von der Institution ab, die sie einpflegt. Unser Lösungsansatz dazu: Wir möchten im Hintergrund Standards etablieren, die durch Techniken wie zum Beispiel KI-Tools, klar definiert sind und so Spielraum in der individuellen Nutzung der Badges ermöglichen, um eigene Anwendungsfälle bestmöglich abbilden zu können. Dies ermöglicht uns langfristig Lernpfade über die vergebenden Institutionen hinweg aus Sicht der Lernenden aufzubauen.

Was ist Ihr größter Wunsch an eine digitale Vernetzungsinfrastruktur für Bildung bzw. “Mein Bildungsraum”?

Arne Klauke: Wir drei wünschen uns eine Vernetzung mit anderen digitalen Bildungsakteuren und -akteurinnen. Wir hoffen, ganz viele Menschen zu finden, die gerne mit uns an Open Education, Open Innovation und Open Source arbeiten möchten. Also Menschen, die mit uns daran arbeiten möchten, Bildung frei verfügbar zu machen, die sich für Innovationen öffnen und öffentliche Software nutzen und weiterentwickeln. Wir freuen uns darauf zu erfahren, woran andere arbeiten und welche Erfolgsgeschichten sie erarbeitet haben, die wir dann vielleicht auch in unseren Projekten nutzen können.  Auf der gesellschaftlichen Ebene wünschen wir uns einen echten Mehrwert und mehr Chancengerechtigkeit für die persönlichen Lernpfade und Bildungsbiographien eines jeden einzelnes Menschen.