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NELE zieht Bilanz: Auftakt für Veränderung statt Abschluss

Unsere Fragen beantwortete Konstantin Kaiser, Produktmanager „NELE – Campus Neue Lernkultur“ und Co-Konsortialleiter des Förderprojektes.

Nach Jahren intensiver Forschungs- und Entwicklungsarbeit haben die Projekte ihre Ziele erreicht und spannende Ergebnisse hervorgebracht. In dieser Interviewreihe werfen wir einen Blick auf die Erfahrungen der Projektteams: Wir sprechen über spannende Herausforderungen, Erfolge und wichtige Erkenntnisse.

Das Projektteam von NELE (ehem. LNL2) hat die Plattform „NELE – Campus Neue Lernkultur“ entwickelt. Diese bietet offene, praxiserprobte und wissenschaftlich fundierte Fortbildungsangebote für Lehrkräfte, pädagogische Fachkräfte und Schulleitungen. Die Angebote machen eine neue Lernkultur greifbar. Lernende erhalten konkrete Anregungen für Unterricht und Schulalltag. Schritt für Schritt begleitet NELE sie dabei, die Lernkultur in ihrer Klasse und an ihrer Schule zu verändern. Darüber hinaus ist NELE ein Transferweg, über den Angebote in das System gelangen und skaliert werden können. Diese Angebote werden einerseits im NELE-Team selbst aufgesetzt, andererseits werden auch Angebote Dritter auf NELE eingebunden und können so transferiert werden.

NELE ist seit September 2024 abgeschlossen. Was sind Ihre wichtigsten Projektergebnisse?

Konstantin Kaiser: Ich muss direkt energisch widersprechen! Das Projekt dahinter ist zwar beendet, aber NELE ist nicht abgeschlossen – es geht mit Volldampf weiter! Wir sind stolz darauf, mit nele-campus.org eine Plattform realisiert zu haben, die frühzeitig live ging und nun nachhaltig von Pädagoginnen und Pädagogen benutzt wird. Über 2.500 Personen haben bereits einen Kurs auf NELE begonnen! Das liegt neben der nutzendenzentrierten Umsetzung vor allem an den praxisnahen Inhalten, die wir im Projekt entwickelt haben. In unserem Konsortium sind zum Beispiel tief gehende Programme zum pädagogischen Konzept Deeper Learning (Lernende setzen sich tiefgreifend mit Wissen auseinander und gestalten darauf aufbauend authentische Produkte), zu der Forschungsmethode Lesson Study für Lehrkräfte im Unterricht, zu Zukunftskompetenzen (Future Skills) und zur Datenbasierten Schulentwicklung entstanden. Zusätzlich haben wir mit unserem gebündelten Wissen über die strukturierte Planung von Lern- und Lehrszenarien Inhalte von tollen Partnerinnen und Partnern als E-Learning-Kurse neu aufgesetzt und auf die Plattform geholt. Themen sind hier beispielsweise die didaktische Methode Service Learning, Falschmeldungen (Fake News), Künstliche Intelligenz (KI) oder mentale Gesundheit. Dieses Know-how, für das das NELE-Team und das darum entstandene Netzwerk von Partnerinnen und Partnern steht, ist neben der Plattform und den Inhalten selbst das wichtigste Projektergebnis.

Was waren Ihre größten Erfolge und gab es unerwartete Hürden?

Konstantin Kaiser: Ein wichtiger Moment war nach einem Jahr Arbeitszeit der Beta-Livegang im Oktober 2023. Das gesamte Konsortium hat konzentriert auf diesen Punkt hingearbeitet und sich auch ordentlich gestreckt, damit wir frühzeitig einen in der Praxis nutzbaren Teil von NELE öffentlich zugänglich machen konnten. Viele Details mussten im Vorfeld geklärt und auf der Plattform implementiert werden. Als wir dann endlich den Schalter umgelegt hatten, waren wir erschöpft und stolz zugleich. Auf dieser Vorarbeit konnten wir den offiziellen Launch im April 2024 aufbauen und mit noch mehr Inhalten und Funktionen an den Start gehen.

Besonders freut uns, dass wir für NELE den nachhaltigen Weiterbetrieb sichern konnten: Die Pacemaker-Initiative von Education Y übernimmt aus dem Konsortium heraus im Einvernehmen mit den anderen Verbundpartnerinnen und -partnern die dauerhafte Verantwortung für den Betrieb und die Weiterentwicklung der Plattform. Kiron Open Higher Education, die das Konsortium geleitet hatten, bleiben als Technikpartner für NELE mit an Bord. Wir hatten vor dem Start keinen Masterplan, wie es nach Projektende weitergehen sollte, sondern haben uns agil auf den Weg gemacht. Gemeinsam haben wir eine tolle, stabile Lösung gefunden, die anschlussfähig ist für neue Projekte mit den Akteurinnen und Akteuren des Konsortiums und mit weiteren Partnerinnen und Partnern.

Hürden gab es natürlich auch. Neben der technischen Umsetzung, die immer liebevolle Zuwendung braucht, lag für mich in meiner Rolle als Co-Konsortialleitung zusammen mit meiner Kollegin Anke Wagner die größte Herausforderung in den verschiedenen Arbeitsweisen der beteiligten Organisationen. Zum Glück hatten wir uns schon vor Projektstart alle zusammen darauf verständigt, NELE iterativ und konsequent nutzendenzentriert auf die Beine zu stellen. Das dann gemeinsam mit Leben zu füllen, hat viel Kraft gekostet und eine ständige Inspektion und Anpassung der gemeinsamen Planung erfordert, wie das in agilen Prozessen üblich ist – der Aufwand hat sich aber gelohnt, wie das Projektergebnis zeigt.

Eine andere Hürde ist die Geschlossenheit der etablierten Weiterbildungsstrukturen. Wenn man pädagogische Fachkräfte nicht nur einzeln, sondern systematisch erreichen will, muss man mit den Fortbildungsstrukturen der Länder kooperieren. Hier haben wir schnell gelernt, dass die Bereitschaft zur Nutzung anderer Plattformen gering ist, auch wenn man inhaltlich vielleicht nah beieinanderliegt. Das hat bei uns zu einem Strategiewechsel in der Angebotserstellung geführt. Statt Inhalte direkt bei und exklusiv für NELE zu produzieren, nutzen wir nun ein externes Autorentool. Von dort aus können wir Inhalte per SCORM sowohl in die meist Moodle-basierten Systeme der Länder exportieren als auch auf dem NELE-Campus zur Verfügung stellen und dort um Blended-Learning-Komponenten erweitern.

Wie profitieren Nutzende von Ihrem Produkt?

Konstantin Kaiser: Lehrkräfte, Schulleitungen und alle in Schulen professionell Tätigen profitieren unmittelbar – der NELE-Campus ist online und kostenfrei nutzbar.

NELE ist außerdem ein Transferweg für Projekte und Bildungsanbietende. Passt der thematische Zuschnitt und ist ein bestimmtes Maß an Qualität gegeben, finden Projektergebnisse und Bildungsangebote bei uns ein Zuhause oder bekommen zusätzliche Sichtbarkeit. Durch diesen offenen Angebotsmix möchten wir uns als zentrale Anlaufstelle für eine neue Lernkultur etablieren.

Gerne stellen wir auch unsere Learning-Design-Expertise zur Verfügung – im Rahmen einer Inhaltepartnerschaft oder auch direkt als Teil von Projekten. Hier konnten wir im Förderzeitraum erfolgreich Erfahrungen sammeln, wie inhaltliche Expertise und didaktisches Know-how Hand in Hand gehen.

Welche Potenziale sehen Sie für Ihr Projekt über den aktuellen Anwendungsbereich hinaus?

Konstantin Kaiser: Neben dem kontinuierlichen Ausbau des Angebots und weiteren Inhaltepartnerschaften sehen wir großes Potenzial in einer vertieften Zusammenarbeit mit den Weiterbildungssystemen der Länder. Erste Kontakte sind geknüpft und wir freuen uns darauf, diese zu vertiefen.

Das kann auch im Rahmen des Startchancen-Programms geschehen, in dem Fortbildung eine wichtige Säule ist. Aktuell sind wir mit dem Förderprojekt „NELE für Startchancen-Schulen“ gestartet, in dem Pacemaker zusammen mit dem International Rescue Commitee (IRC) und Kiron als Technikpartner Inhalte für Startchancen-Schulen entwickelt. Das Projektziel ist, Blended-Learning-Programme zu Themen zu erstellen und zu erproben, die für die Startchancen Schulen relevant sind, um diese Angebote zur Nutzung auf dem NELE-Campus zugänglich zu machen. Zusätzlich wollen wir die Inhalte und Workshop-Anleitungen als Open Educational Resources (OER) veröffentlichen und so als Blaupause zur Weiternutzung durch die Länder zur Verfügung stellen.

Potenzial liegt auch in der Nutzung der langjährigen Erfahrung von Pacemaker bei der Durchführung von Online- und Präsenzworkshops in und mit Schulen, die in Gestaltung und Durchführung unserer Blended-Learning-Programme einfließt, sei es als Kooperationspartner auf den Plattformen der Länder oder direkt auf dem NELE-Campus. Verbunden mit der Erstellung der Inhalte im Rahmen der neuen Förderung möchten wir mit NELE künftig neben der Finanzierung durch Förder- und Kooperationsprojekte auch auf servicebasierende Geschäftsmodelle adaptieren, wie man sie aus dem Open-Source-Software-Bereich kennt: Die Inhalte werden kostenfrei angeboten und deren Entstehung hoffentlich durch die Durchführung von Blended-Programmen querfinanziert, ergänzt durch Beratungsangebote bei der Inhalteerstellung.

Stichwort Transferpotenziale: Welche Erkenntnisse möchten Sie anderen Bildungsprojekten mit auf den Weg geben?

Konstantin Kaiser: Erstens: Denkt nicht in Projekten, sondern in Produkten, und zeigt diese euren Nutzenden so früh wie möglich! Bei NELE haben wir User Testing von Beginn an implementiert. Das ging schon beim Projektnamen los, zu dem wir im ersten Monat mehrere Umfragen gestartet haben. Das Ergebnis war, dass wir uns von LearningNewLearning (daher unser altes Projektkürzel LNL2) in NELE umbenannt haben, weil es eingängiger und anschlussfähiger ist. Danach haben wir regelmäßig, meist alle vier Wochen, Produktprototypen gebaut und diese in qualitativen Concurrent-Thinkalaoud-Studien von potenziellen Nutzenden testen lassen. Das hat uns extrem geholfen, aktuelle Fragestellungen zu klären, nicht am tatsächlichen Bedarf vorbei zu entwickeln, den richtigen Ton in der Ansprache zu finden und unser Projekt permanent auf die aktuellen Bedarfe nachzujustieren.

Zweitens: Stellt im Konsortium eine wertschätzende (Präsenztreffen helfen hier enorm), wirklich agile Zusammenarbeit auf die Beine, die diese Prototyporientierung und permanente Anpassung von vornherein einkalkuliert. Wir haben gelernt, dass sich eine agile Arbeitsweise auch im Kontext von Arbeitsplänen aus Förderanträgen, die häufig stärker an klassischen, sequenziellen Vorgehensweisen orientiert sind, gut integrieren lässt. An dieser Stelle möchte ich mich ausdrücklich für die tolle Zusammenarbeit mit der VDI/VDE-IT und dem BMFTR bedanken, die für unsere agile Arbeitsweise offen waren.

Drittens: Plant einen Beta-Launch mit ein, um frühzeitig einen ersten Erfolg im Team feiern zu können. Außerdem werden so nicht erst zum Projektende Ergebnisse zwischen den Partnerinnen und Partnern abgeglichen. Anpassungsbedarfe treten rechtzeitig zutage und werden mit Feedbackdaten aus der „echten Welt“ gestützt. Wer mehr zu unserer Zusammenarbeit im Projekt erfahren, will, dem oder der sei dazu die entsprechenden Kapitel im NELE-Buch ans Herz gelegt.

Und schließlich: Plant genug Zeit für die Sicherung der Nachhaltigkeit des Projektes ein! Die Zukunft von NELE zu organisieren, sodass wir am Förderende nicht in einen Dornröschenschlaf fallen, hat einiges an Kraft gekostet.

Wie geht es für Ihr Angebot weiter?

Konstantin Kaiser: NELE befindet sich jetzt in einer neuen Phase der Kontinuität: Tag um Tag, Inhalt um Inhalt, Partnerschaft um Partnerschaft geht es voran, stetig kommen neue Nutzende auf die Plattform, um den Alltag an ihrer Schule Schritt für Schritt in Richtung einer neuen Lernkultur zu verändern.

Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit vielen spannenden Projekten und Bildungsanbietenden, um das NELE-Angebot stetig zu erweitern, wie aktuell zum Thema KI-Einsatz in der Schule. Die Arbeit am Förderprojekt NELE für Startchancen-Schulen zur Erstellung von an den Bedürfnissen der Schulen ausgerichteten Blended-Learning-Programmen bringt in den nächsten drei Jahren spannende neue Perspektiven auf den NELE-Campus.

Wir hoffen, dass sich diese Entwicklungen zu einer verstärkten Zusammenarbeit mit den offiziellen Weiterbildungsstrukturen führen, damit noch mehr Menschen gemeinsam an der Verbreitung einer neuen Lernkultur arbeiten. Wer an einer Zusammenarbeit interessiert ist, erreicht uns unter info(at)nele-campus.org.

Für uns persönlich geht es ganz unterschiedlich weiter. Einige am Projekt Beteiligte sind mit NELE zu Pacemaker gewechselt, sodass wir dort Know-how und Elan aus dem Projekt im Team behalten können. Andere werden uns sicher als künftige Kooperationspartnerinnen und -partner erneut begleiten. So oder so freuen wir uns, wenn man sich wiedersieht, denn die Zusammenarbeit im Konsortium war nicht nur erfolgreich und sinnstiftend, sondern hat uns auch sehr viel Spaß gemacht.